Krabbelgruppe – Bin ich ein Sonderling?

Ich frage mich tatsächlich langsam, ob ich eine Art Sonderling in Bezug auf meine Kinder bin. Manchmal kommt mir die geballte „DAS MUSS EBEN AUCH MAL SEIN“-Power der anderen Eltern entgegen. So auch neulich in der Krabbelgruppe.

Ich, der Sonderling?


ICH, DER SONDERLING

Da komme ich also in die Krabbelgruppe, mit meinem Baby im Tuch und meinem Großen an der Hand. Alle anderen Mütter sind mit dem Auto da oder kommen mit dem Kinderwagen. Ihre älteren Kinder sind im Kindergarten.

Ich bin die Einzige mit einem geringeren Altersabstand zwischen den Geschwistern.

Ich bin die Einzige die ihr Baby mit fast fünf Monaten noch vollstillt.

Ich bin die Einzige die mit ihren Kindern keine Kurse besucht.

Ich bin die Einzige die selber keine Kurse besucht (hat).

Ich bin die Einzige deren Kinder mit im Bett schlafen.

Das sind die größeren Unterschiede, die ich nach nur dreimal Krabbelgruppe ausgemacht habe. Dabei fühle ich mich manchmal komisch. Eben wie ein Sonderling. Während das eine Baby die Flasche bekommt, löffelt das andere ihren Apfelbrei. Und zum ersten Mal fühle ich mich als stillende Mutter nicht mehr wohl. Komme mir vor wie eine, die ganz seltsame Ansichten hat und hinterm Mond lebt. Sobald Alwin unruhig wird, gehe ich mit beiden Kindern nach Hause. Dort, in der Krabbelgruppe, möchte ich nicht stillen.
Das hatte ich sonst nie! Immer und überall habe ich bisher gestillt. Vollkommen egal wer dabei war. Vollkommen egal wo wir waren. Im Restaurant, im Zoo, draußen vorm Haus, im Zug. Egal. Und jetzt? Jetzt bin ich ein Sonderling.

Das kuriose daran; Keiner dort verurteilt mich. Niemand schaut schief oder drückt mir komische Sprüche. Jeder dort hat andere Ansichten und das ist vollkommen in Ordnung! Ich verurteile nicht den Vater der die Flasche gibt (was soll er auch sonst machen?). Ich verurteile nicht die Mutter, die seit dem vierten Monat Obstgläschen gibt. Ich verurteile nicht die Eltern, die zweimal in der Woche zum Babyschwimmen oder Pekip gehen. Und genauso wenig verurteilen sie mich, weil ich noch stille.

Weshalb also fühle ich mich so unwohl? Ich weiß es zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht.

DANN MUSS EBEN AUCH MAL KONSEQUENT SEIN!

Bei dem letzten Treffen unterhielten sich zwei der Mütter und der Vater über Konsequenzen in der Erziehung. Es ging um das eigenständige Anziehen und, vor allem, in’s Bett gehen.

Eine der Mütter hatte das Problem, dass ihr Großer gerne trödelt. Er nicht richtig aus den Puschen kam. Sie fragte um Rat.

„Wenn er sich nicht schnell genug fertig macht. Gibt es kein Sandmännchen mehr. Muss halt auch mal sein.“ sagte der Vater. Der Einwand der Mutter, dass das abendliche Ritual ihr allerdings wichtig sei und sie die gemeinsame Kuschelzeit nicht abstrafen möchte, nahm der Vater mit einem Schulterzucken hin „Tja, manchmal muss das aber sein.“ Eine andere Mutter pflichtete ihm bei.

Ich saß da und dachte mir „Echt? Wie gemein!“ Ich konnte die Eieruhrmutter SO gut verstehen. Denn auch mir ist die Zeit, die ich mit jedem Kind einzeln verbringen kann, so unglaublich wichtig!

„Rede doch mal mit ihm“ mischte ich mich ein. „Oder beginne euer Ritual ein bisschen früher, wenn es sich einrichten lässt. Geht ihr gemeinsam Zähne putzen und anziehen? Vielleicht möchte er, dass du dabei bist und trödelt deshalb.“ Huch?! Hab ICH das gesagt? Für gewöhnlich bin ich ja eher ruhig mit meiner Meinung, aber sie hatte ja nach Hilfe gefragt und die Ideen, der anderen beiden schienen ihr ja nicht zu gefallen. Mir übrigens auch nicht, deshalb wollte ich eine weitere Alternative anbieten.
Doch dann, BUMS, gucken mich alle wieder an, als hätte ich nicht alle Latten am Zaun. Wieder fühlte ich mich wie ein Sonderling. Mit einem Kind reden? Wer macht denn sowas?!

Die Eieruhrmutter nickte mir zu und schien über mein Gesagtes nachzudenken. In dem Moment kam Simon um die Ecke geflitzt und eine weitere Mutter betrat den Raum. Das Thema verlor sich.

BREI, GLÄSCHEN, ZUFÜTTERN

Ich kannte die neue Mama noch nicht. Sie setzte sich mit ihrem ebenfalls etwa 5 Monaten alten Mädchen neben mir hin. Nach einer Weile packte sie ein Obstgläschen aus und fütterte ihre Tochter, die auf dem Boden lag. Ich hatte ein bisschen Angst, dass die kleine Zuckermaus sich verschluckt und mein Gesicht verriet offenbar meine Gedanken „Meine Mutter hat uns alle im Liegen gefüttert. Damit der Brei nicht wieder heraus kommt“. Oha! Na gut. Immerhin schien es der kleinen zu schmecken.
Das Mädchen des Vaters bekam derweil ein Fläschen und der „große“ acht Monate alte Junge, mümmelte ein Brötchen.
Eine der Mütter ließ verlauten, dass sie es komisch fand, als ihr Sohn anfing richtiges Essen zu essen, ihn noch zu stillen. Deshalb hörte sie ziemlich abrupt und mit Tabletten auf. Einige pflichteten ihr bei. „Sie sollen ja auch nicht ewig an der Brust hängen.“

Nur eine andere Mutter, mit einem etwa acht Monate alten Baby, stillte noch. Nicht mehr viel, wie sie sagte, aber er brauche es noch. Hach! Sie war mein Hoffnungsschimmer.

Ich möchte gar nicht über Stillen, Flasche und Gläschen groß reden. Jeder wie er mag und kann, dennoch war Alwin offenbar das einzige Baby welches noch keinen Brei zu sich genommen hatte. Und das war irgendwie wieder ganz merkwürdig.
Alle sind super nett und komplett unterschiedlich. Jeder hat seine Meinung und das ist absolut in Ordnung! Doch wenn ich manchen Gesprächen lausche und das beipflichten der anderen Eltern höre, dann komme ich mir wirklich sonderbar vor. Dann frage ich mich manchmal, ob das alles so richtig ist was ich mache?!

Auf der anderen Seite sehe ich dann meinen Großen, der mir eben nicht „ewig an der Brust hing“.
Ich sehe mein entspanntes Baby, welches nach Bedarf gestillt wird.
Ich sehe meinen 2,5 Jährigen der „bitte“ und „Danke“ sagt, obwohl ich das noch nie von ihm verlangt habe.
Ich sehe mein fünf Monate altes Baby, welches richtig gut schläft. Im Familienbett.
Und ich sehe uns als Familie, die ziemlich entspannt durch’s Leben geht.

Ja, vielleicht bin ich ein Sonderling in den Augen anderer. Vielleicht auch nicht. Für mich ist das aber alles der richtige Weg. Irgendwie!

Sonnige Grüße.

12 Gedanken zu „Krabbelgruppe – Bin ich ein Sonderling?

  1. Hallo Chrissy,

    Ich kann dich voll und ganz verstehen.

    Krabbelgruppen habe ich aus den gleichen Gründen gar nicht erst besucht.

    Bei der Rückbildung war ich auch der Exot:
    – 4 Kinder
    – geringer Altersabstand zwischen den Geschwistern
    – vollstillend, obwohl der Kleine mit Abstand der Älteste waren
    – Geschwisterkind war mit dabei, weil er nicht in der Kindergarten geht
    – nicht im Geburtsvorbereitungskurs gewesen
    – Kind im Tragetuch nicht im Wagen
    – …
    Ja, scheinbar bin ich auch eine Ausnahme. Aber genau wie bei dir tut uns das als Familie gut. Deshalb würde ich es niemals anders machen – auch wenn ich hier auf dem Dorf ein Exot bleibe.

    Viele Grüße
    Mama Maus

    • Das tut wirklich gut zu lesen! Es überrascht mich ehrlich wie vielen anderen es ähnlich geht wie mir.

      Manchmal komme ich mir eben sonderbar vor, aber eigentlich weiß ich, dass es für uns gut so ist.

  2. Ich bin ebenfalls eine dieser Exotinnen der Kleinstadt.
    Keine Kurse, Tragetuch, 18 Monate Stillen und BLW, Familienbett etc. Ich persönlich bin auch sehr häufig erstaunt darüber wieso es so wenige/keine Eltern in unserem Umfeld gibt, die ähnlich ticken.
    Gerade bin ich mit Nr. 2 schwanger und bin gespannt ob ich mich in zweiter Runde noch einmal souveräner und entspannter verhalte, denn ich muss zugeben das es mir mein Umfeld nach dem 12. Monat stillen sehr schwer gemacht hat. Selbst meine Mutter versuchte mich und unsere Stillbeziehung zu pathologiesieren – „du musst dein kind auch mal endlich loslassen, du machst es ja absichtlich lange abhängig…“

    Ich habe da grundsätzlich auf stur geschaltet und mein Ding gemacht, zum Nachdenken hat es mich allerdings schon gebracht. Aber auch ich muss sagen, mein 2j alter Sohn ist eines der entspanntesten Kinder in unserem Umfeld, ich bekomme das sogar sehr oft von Fremden gesagt. Erst letztens beim Arzt im Wartezimmer. Ich glaube wir sind auf einem guten Weg.

    Für mich bedeutet es alles, meinem Kind ein vertrauter Ort der Sicherheit zu sein, zu dem es von all den wilden Abenteuern gerne zurückkommen kann. Ich werde nicht alles richtig machen, aber ich hinterfrage, die Gesellschaft, die üblichen Erziehungsmethoden, vor allem mich, immer wieder und versuche die Perspektive der Kleinen einzunehmen. Und genau das vermisse ich häufig bei anderen Eltern im Umfeld. Denn dann sind die Wege, die man gehen kann doch so klar.

    Alles Liebe von einer weiteren Outsider Mum.

    • Ach, es geht ja auch nicht darum alles richtig zu machen. Trotz all den guten Vorsätzen und Liebe zu unseren Kindern, machen wir Fehler und sind eben auch nur Menschen. Zum Glück!
      Es erschreckt mich nur ebenfalls, wie oft andere Leute ihre Nase in Angelegenheiten anderer stecken. Und das meistens auch noch ungefragt.

      Wenn man dann mal eine etwas andere Sicht der Dinge hat, wird man gleich schief angeschaut und wirkt eben exotisch und manchmal auch so, als hätte man nicht alle Latten am Zaun.

      Mein Großer (2,5) bockt auch rum. Er wirft sich ebenfalls auf den Boden. Schmeißt mal was durch die Gegend. Klar! Aber auch ich würde sagen, dass wir sonst ziemlich entspannt sind und deshalb schätze ich (hoffe ich!) dass wir auf einem richtigen Weg sind.

      So und nun; Glückwunsch zur Schwangerschaft und alles Gute dafür. 🙂

  3. Woah… i feel you! Ich wohne auch nicht in der big city und hier geht es genauso zu wie bei dir. Ich stille meine 20 Monate alte Tochter in public und Familienbett und BLW und vegan und Attachment Parenting und und. Mittlerweile hab ich übrigens selbst eine Krabbel – / Spielgruppe gegründet damit meine kigafreie Tochter mitkommen kann 😛

    Liebe Grüße, Frida

    • Ja, die Idee mit der eigenen Gruppe hatte ich auch schon. Allerdings fürchte ich, dass dann keiner kommen würde. *lach*

  4. So unterschiedlich ist das. Hier stillen alle ewig und tragen und säuseln immer die ganze Zeit, voll irre. Ich würde mir mehr Durchmischung wünschen und war damals bei K1 als nicht stillende Mutter oft der Sonderling. Lg

    • Ach schau an. Wie unterschiedlich das wirklich ist. Verrückt oder? Eigentlich ist es ja gut so! Nur scheint es ja immer jemanden zu geben, der sich dann komisch fühlt.

  5. Hallo. Ich habe bisher still mitgelesen, wollte mich jetzt aber mal melden. Meine Tochter ist nur ein halbes Jahr älter als Simon und unsere beiden zweiten sind fast genau gleich alt. Das sind aber nicht die einzigen parallelen. Auch was das Stillen, schlafen im Familienbett und generell der zugewandte Umgang mit den Kindern angeht sind wir uns wohl ähnlich.
    Ich habe das große Glück einige Freundinnen mit gleichaltrigen Kindern zu haben, die das genauso handhaben. Ich kann mir gar nicht vorstellen es anders zu machen. Außerhalb meiner „Filter bubble“ von ich dann immer wieder erstaunt, dass viele doch noch an der alten „Erziehung“ festhalten.

    Was ich eigentlich sagen wollte: du bist nicht allein und ich finde es toll, wie du es machst ♥.

    Liebe Grüße aus dem österreichischen Burgenland, Angelika

    • Vielen Dank für deinen Kommentar. Es tut immer gut zu lesen, dass man nicht alleine ist. Hin und wieder werde ich ja doch unsicher…

      Aber wenn es für uns der richtige Weg ist, sollten wir das eigentlich nicht sein, hm? 🙂

  6. Hallo, ich bin ebenfalls ein Sonderling. Als Impfkritikerin, die lieber zu Hausmitteln greift statt zur Schulmedizin, Tragemami und Familienbettbefürworterin, deren Kind statt Brei schon „richtiges“ Essen bekommen hat (oh mein Gott es würgt es wird sicher gleich sterben) werde ich hier bei uns am Land auch seeeehr komisch angeschaut. Trotzdem gehe ich meinen Weg weiter. Nur Mut „Sonderlinge“ gibt es wohl überall 😉

    • Ja, bei dem „richtigen“ Essen werde ich auch immer so angeschaut, als ob ich mein Kind umbringen wollen würde. Dabei werde ich ständig mit demselben Zeug konfrontiert. „Mir wäre das zu gefährlich, er verschluckt sich doch!“, tja nur dass das auch beim Trinken an der Brust/Flasche passiert, haben wenige auf den Schirm.

      Danke für deinen Kommentar.

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