Vom Wunsch zum Horror – Die zweite Geburt 

Die Geburt meines zweiten Kindes ist für mich immer noch unbegreiflich merkwürdig. Ich kann, Tage später, immer noch nicht sagen was ich so richtig empfinde.

Auf der einen Seite bin ich so unfassbar glücklich dass die Schwangerschaft nun endlich vorbei ist, aber auf der anderen Seite war die Geburt so rasant, hektisch und voller Panik dass ich einfach nicht weiß wie ich damit umgehen soll.

Alwin. Erst einige Stunden alt.

Alwin. Erst einige Stunden alt.

MONTAG 12.09.2016

Mein Mann und ich fuhren schon in der Nacht zum 12. in die Klinik. Allerdings nicht lange.
(Den Bericht dazu kann man hier lesen.)

Enttäuscht war ich also wieder Zuhause. Hundemüde. Ich habe über den Tag verteilt sehr viel geschlafen. Zwischen 15 und 17 Uhr hatte ich Wehen im Abstand von 15 Minuten. Eindeutig heftiger als in der Nacht.

Dann waren sie erst mal wieder verschwunden. Um 18:30 Uhr kamen sie wieder. Zunächst weiterhin in 15 Minuten Abständen. Meine Eltern fragten ob sie gleich bleiben sollten, aber ich schickte sie erst mal in’s Hotel. Immerhin war die Nacht vorher auch schon Fehlalarm.

Ich wollte Simon noch in’s Bett bringen. Ihm so viel Normalität bieten wie es mir möglich war. Er lag wie immer in seiner Betthälfte und schaute sich Bücher an. Der Mann lag neben mir und stoppte die Zeit. Nun waren wir bei zehn Minuten Abständen.

Der Kleine war irgendwann fertig mit seinen Büchern, machte das Licht aus und kuschelte sich an. Es war wohl etwa 20:30 Uhr mittlerweile. Die Abstände lagen bei sieben Minuten und ich zerquetschte dann und wann die Hand meines Mannes (sorry!).

Bevor wir allerdings in die Klinik fuhren, wollte ich dass Simon schläft. Dieser war etwas unruhig. Streichelte meinen Bauch und erzählte vom Baby. Hin und wieder legte er auch seinen Kopf auf den Bauch.

Ich unterhielt mich leise mit Stephan. Das sorgt beim Kleinen immer für Ruhe. Die Abstände waren mittlerweile bei sechs Minuten.

Stephan rief meine Eltern an. Simon schlief immer noch nicht und ich blieb noch etwas bei ihm. Die Abstände schwankten zwischen vier und sechs Minuten.

Kurz nachdem meine Eltern eingetroffen waren, ist Simon eingeschlafen. Ich ging noch in’s Bad um mich etwas frisch zu machen und wollte dann los. Ein paar Kleinigkeiten noch mit den Eltern besprochen und dann ging es ab. Die Abstände pendelten sich zwischen vier und fünf Minuten ein.

„Dieses mal komme ich nicht ohne Baby auf meinen Arm zurück!“ sagte ich noch an der Tür.

WIEDER IN DER KLINIK

Gegen 22:30 Uhr kamen wir wieder in der Klinik an. Es begrüßte uns wieder eine Hebamme, der ich die Lage erklärte. Dieses mal war es allerdings nicht ganz so einfach, denn die ein oder andere Wehe unterbrach mich.

Wir gingen gleich an’s CTG. Eine Hebammenschülerin kam und meinte fröhlich „Hey, bekannte Gesichter“, sie hatte mich in der Nacht vorher schon betreut. Sie merkte mir auch gleich an dass ich nicht mehr ganz so entspannt gewesen bin.

Nach einer halben Stunde kam die ältere Hebamme wieder. Sie schaute sich das CTG an und tastete anschließend den Muttermund. Drei Zentimeter stellte sie fest. Und dann noch etwas anderes. Merkwürdiges. Die Schülerin sollte auch nochmal tasten. Sie versuchte mir zu erklären was sie getastet hatte, ich habe es aber nicht wirklich begriffen. Ich verstand irgendwas mit Fruchtblase und fragte ob es möglich sei, dass das Baby mit Fruchtblase auf die Welt kam. „Mit der Glückshaube. Ja, kann vorkommen.“

Die Hebamme wollte mich gleich stationär aufnehmen. „Juhuuu! Es geht nicht mehr nach Hause!“ waren meine Gedanken. Weiter fragte sie mich ob ich in die Badewanne möchte und ob eine Wassergeburt was für mich wäre „Das habe ich mir schon bei der ersten Geburt gewünscht.“

IM KREIßSAAL

Ich kam dieses mal erst gar nicht in’s Wehenzimmer, sondern gleich in den Kreißsaal. Es war etwa 23:30 Uhr.
Die Schülerin lies Wasser ein. Ich hatte derweil drei heftige Wehen, die mittlerweile über den Rücken kamen. Dennoch schaffte ich es, mit Hilfe, aus meinen Klamotten. Die Schülerin schloss mich an’s CTG an und dann konnte ich in die Wanne steigen. Stephan setzte sich daneben.

Es war unfassbar kuschelig und gemütlich. Ich habe gleich Linderung gespürt und konnte für einen kurzen Moment Kraft tanken. Die Schülerin dämmte das Licht und machte diese gemütliche orangefarbene Lampe an, an die ich mich so gerne erinnerte. Da war auch wieder dieser wohlige Geruch, der mir Sicherheit gab.

Es gab zwei, drei starke Wehen, die nun nicht mehr vom Rücken her kamen, sondern wieder dahin gewandert waren wo sie hingehören.

DANN GING NICHTS MEHR

Ganz plötzlich hatte ich einfach nur durchgehend wahnsinnige Schmerzen. Ich stemmte mich mit aller Kraft aus dem Wasser raus. Bemerkte den Druck und dachte mir „Das Baby kommt!“ allerdings konnte ich vor Schmerzen nicht sprechen.

Die Fruchtblase platzte.
Die Schülerin war neben mir. Ganz ruhig. Sprach mir gut zu. Plötzlich stand die ältere Hebamme da (ich weiß bis jetzt nicht wo sie plötzlich herkam) „Raus aus der Wanne, sofort!“ in einem Ton, der mich in Angst und Schrecken versetzte, nicht herrisch, eher hektisch. „Sie müssen auf’s Bett.“

Irgendwie quälte ich mich auf das Bett. Plötzlich waren der Arzt und die Oberärztin da. Sie standen links von mir. Auch da habe ich keine Ahnung, wo die beiden plötzlich herkamen. Gleich rechts neben mir war die Schülerin und dann noch die ältere Hebamme.

Irgendwie sabbelten alle auf mich ein. Die Einzige die ruhig mit mir sprach war die Schülerin. „Sie schaffen das. Aus eigener Kraft.“ während die ältere immer wieder „Schieben! Sie müssen mitschieben!“ fast schon brüllte.

Zwischendurch irgendwelches Kauderwelsch, welches nur die Ärzte und Hebammen verstanden. Mich machte das alles nervös und panisch. Mir war klar dass irgendetwas nicht stimmte, aber ich konnte es einfach nicht einordnen.

Diese unfassbare Hektik.

Das Geschrei der Hebamme.

Die höllischen Schmerzen.

Zwischen den Wehen machte ich immer wieder Atemübungen aus dem Buch „Autogene Geburt„. Das beruhigte mich etwas.
Bis das nervige „Mitschieben!!!“ wieder los ging. „Sie müssen mitmachen!“ – „Was glaubt die denn, was ich hier mache???“ natürlich machte ich mit, aber nur dann, wenn ich Wehen spürte. Ständig wurde mir eingeredet ich hätte wieder eine, aber ich merkte sie komischerweise nie wenn mir das gesagt wurde. (Und nein, ich habe keinerlei Schmerzmittel bekommen.)

„Hören sie die Herztöne?“ fragte mich die ältere Hebamme. „Ja“ antwortete ich knapp. „Die sind zu niedrig! Das Kind muss raus! JETZT!“

Mir schossen sofort die Tränen in die Augen, ich hatte panische Angst und wusste gar nicht mehr wo hinten und vorne war. „Ich schaff das nicht!“ stammelte ich zwischendurch.

„Ich drücke gleich mit auf den Bauch“ sprach die Oberärztin, die mir die ganze Zeit über den Bauch kreiste. „Und dann haben sie es fast geschafft.“

Das alle durcheinander sprachen machte mich fertig. Ich hatte das Gefühl mir platzt der Kopf.

Ich wollte das mich alle in Ruhe lassen und die Klappe hielten.

Ich wollte nicht angefasst werden.

Ich wollte meinen Mann an meiner Seite, der abseits saß, weil vor lauter Personal kein Platz mehr war.

Ich wollte meine beruhigende Musik hören.

Ich wollte die Kuschligkeit vom letzten mal zurück.
Die Wärme.
Die Fürsorge.
Die Ruhe.

Ich wollte mein Baby auf dem Arm haben.

Stattdessen:

„JETZT MITSCHIEBEN!“

„Ich habe keine Wehe!!!!!“ meckerte ich die Hebamme an.

Allerdings lies die nächste nicht lange auf sich warten. „Jetzt“ sagte ich wieder etwas ruhiger. Die Ärztin drückte von oben auf den Bauch und mit aller Kraft die ich noch hatte, schob ich mit. Kurz danach noch einmal.
Vermutlich habe ich meinem Leben noch nie so gebrüllt.

MEIN BABY IST DA

Ich sah mein Baby! Da war es! Ich wollte es bei mir haben, aber sie gaben es mir nicht.

Sie durchtrennten die Nabelschnur. „Warum darf das der Papa nicht machen?? Ging doch beim ersten mal auch!“ dachte ich mir „und wieso bringen sie mein Baby nicht zu mir? Was machen die da am Tisch mit MEINEM Baby??“

Dann kann ich mich nur noch an Fetzen erinnern. Sie untersuchten anscheinend das Kleine.
Mir war furchtbar kalt. Ich zitterte am ganzen Körper. Ich war am Ende.
Aber ich sah mein Kleines, zumindest teilweise. Ob es weinte weiß ich nicht mehr.

„Die Nabelschnur lag um den Hals“ sprach die ältere Hebamme. Nun wieder ganz ruhig. „Und die Herztöne waren unter 70.“

„Geht es ihnen gut?“ fragte die Hebamme meinen Mann. Ich weiß nicht was er ihr antwortete.
Zu mir gewandt sagte er nur voller erstaunen und lachen „Es ist ein Junge!“ Ich sah wieder zu dem Tisch rüber, wie das Baby strampelte, aber konnte nichts weiter erkennen. Ich lachte „Ernsthaft ein Junge?“

Dann brachten sie ihn zu mir. Die Oberärztin legte ihn mir auf Bauch und Brust.
Er war ganz ruhig.
Atmete.
Schaute mich mit großen blauen Augen an. Die Ärztin massierte derweil sein Herz, aber das nahm ich kaum wahr. Auch seinen bläulichen Körper bemerkte ich nur am Rande.

EIN BABYJUNGE

ENDLICH! Endlich bist du richtig angekommen!

„Haaalllooo! Wir haben keinen Namen für dich!“ sagte ich lachend und schaute auf die Uhr. Punkt 24 Uhr. „Huch?! Wann kam er denn?“ „23:56 Uhr“ sagte mein Mann. Alle(s) andere blendete ich zunächst aus. Da war er also, der kleine namenlose Mann. So gehört er also zu den 4% die am errechneten Termin kommen. Genau wie seine Mami!

Für den Moment war alles vergessen.
Die Hektik war weg.
Keiner brüllte mehr.
Keine Schmerzen.
Ruhe.
Baby.

DIENSTAG 13.09.2016

„Sie haben das so toll gemacht!“ sagte die Schülerin zu mir. Ich konnte nur müde lächeln. Ich mochte diesen Standardsatz noch nie. War ihr aber mehr als dankbar, denn SIE war mir eine unglaubliche Hilfe.

„Das war die schnellste Geburt, die ich je gesehen habe.“ sprach der Assistentsarzt. „Von vier auf zehn Zentimetern in fünf Minuten. Wow!“ Ich weiß bis jetzt nicht was ich von ihm halten soll. Irgendwie ein lustiger Typ wie sich hinterher raus stellte.

Die Oberärztin kannte ich noch von der ersten Geburt. Sie verschwand allerdings schnell wieder.

„Sie haben mich ganz schön in’s Schwitzen gebracht.“ sagte die ältere Hebamme. Ich habe ihr darauf nicht geantwortet.

ZEIT ZU DRITT

Stephan kam zum Baby und mir. „Doch ein Junge“ sagte ich immer wieder und musste lachen.

Wir genossen einfach die erste Zeit zu dritt. Ich wollte nicht über das Geschehene nachdenken.
Meine Geburtsverletzung war mir egal.
Das Zittern war mir egal.
Die tausend Versuche mir einen Zugang zu legen waren mir egal.

Noch bevor sie ihn vermessen und gewogen hatten, konnte ich mein Baby anlegen.
Das war der Moment in dem ich wusste
„Wir haben es geschafft!“

Sonnige Grüße.

12 Gedanken zu „Vom Wunsch zum Horror – Die zweite Geburt 

  1. Puh, das klingt nach einer harten Nacht.
    Ich hoffe, du kannst das Erlebte gut verarbeiten. Tut mir sehr Leid, dass deine zweite Geburt von so viel Negativem begleitet wurde.
    Alles Gute dir und dem kleinen, süßen Überraschungs-Bub 🙂

    • Dankeschön für deine netten Worte. 🙂
      Das darüber schreiben hat mir auf jeden Fall schon mal geholfen. Alles weitere muss ich schauen. Ich denke aber, dass ich ganz gut damit klar kommen werde.

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  4. Herzlichen Glückwunsch von meiner Seite. Über Twitter habe ich deine Schwangerschaft verfolgen können. Wahnsinn,wie schnell eine Schwangerschaft vorbei ist. Unsere 2.Tochter kam auch am 12. September abends ganz schnell und unerwartet mit viel Dramatik zur Welt!So viele Gemeinsamkeiten auf einmal echt interessant. Netten Gruß Marcel

    • Dankeschön für die Glückwünsche. Die gebe ich gerne zurück. 🙂

      Das tut mir echt leid für euch, wenn ihr ähnliches erleben musstet. Das wünsche ich wirklich niemanden. Weder der Mutter, noch dem Baby oder dem Partner, der alles mit ansehen muss.
      Ich hoffe bei euch ist nun alles in Ordnung.

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  10. Ich habe deinen Bericht jetzt erst gelesen. Schön, dass alles gut ausgegangen ist.

    Der Bericht hat mich sehr an mein zweites Geburtserlebnis erinnert. Meine erste Geburt war auch total schön, ich war so naiv zu denken, so wird es bestimmt wieder.

    Bei der zweiten war ich in einer anderen Klinik und hatte dort dann auch eine ältere Hebamme, die alles „so wie immer“ machen wollte und mich vor allem immer auf dem Rücken liegen haben wollte, obwohl ich von der ersten Geburt wusste, dass vor allem die Positionswechsel während der Geburt meinem Sternengucker-Kind auf die Welt geholfen hatten.

    Aber mir fehlte die Kraft, zu widersprechen, es war viel anstrengender als beim ersten Mal und irgendwie dachte ich auch „sie wird es schon wissen“.

    Aber irgendwann ging fast nichts mehr – und da war ich froh, dass genau diese ältere erfahrene Hebamme mein Kind mit dem Arm mit rausdrückte.

    Es war ein 4,5 kg Sternengucker, gesund. Und das war alles, was wichtig war.

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