Wenn Mama nicht mehr kann – Im Alltag überfordert

Ja, der Titel mag reißerisch daherkommen. Und doch trifft es exakt auf die Situation der letzten Monate zu. Ich merkte mehr und mehr wie ich mit den Kindern Zuhause nicht mehr glücklich war. Der Körper wollte nicht mehr mitmachen und meine Nerven waren jeden Tag aufs Neue überstrapaziert. Ich war schlichtweg überfordert.

Im Alltag überfordert – Ich wollte mich oft verstecken.

DER KÖRPER REBELLIERT

Ich bin fast 30, seit drei Jahren Mama und mit zwei Kindern Zuhause. Ich gehe weder arbeiten, noch gehen meine beiden Söhne in die Betreuung. Mein Mann hat eine gute Arbeit, die er sehr gerne macht. Wir haben an Verwandten niemanden hier. Die nächsten wohnen 250km entfernt, der Großteil knapp 400km. Alle Bekannte und Freunde die ich in den letzten 3,5 Jahren gefunden habe, haben selber Kinder. Das bedeutet; Den Großteil der Zeit bin ich mit den Kindern zusammen und dauerhaft für sie verfügbar.

Ich liebe es Hausfrau und, in erster Linie, Mutter zu sein. Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir diesen Luxus leben dürfen. Es geht uns gut. Wir können uns etwas leisten, Ausflüge machen, verreisen, den Kindern und uns (finanziell) etwas bieten. Ich sehe die Kinder aufwachsen und bringe ihnen vieles bei. Sie können sich immer auf mich verlassen. Es ist für mich ein Traum!

Allerdings merkte ich vor einigen Wochen, dass es mir immer schlechter ging. Wegen jedem bisschen bin ich an die Decke gegangen. Meine sonst ruhige und liebevolle Art, war fast komplett verflogen. Es nervte mich wenn der Große meine Hilfe brauchte. Es nervte mich, wenn das Baby weinte. Ich wollte nicht mehr stillen, ich wollte nicht mehr nach draußen. Alles, sogar das Anziehen der Kinder, machte mir zu schaffen. Der Gedanke daran vor die Tür zu gehen, sorgte nur dafür, dass ich mich erschöpft auf das Sofa setzte. Der Fernseher lief dieser Tage viel zu viel und das wurmte mich dann wieder.
Ich war es leid zu trösten, zu kuscheln, zu kochen, die Schaukel anzustupsen. Ich wollte dem Großen nicht mehr beim Rollerfahren helfen, es war mir egal wenn das Baby umfällt. Die Einschlafbegleitungen waren Geduldsproben.
Jedes „Maaaaaamaaaaaa“ wurde zu einer unendlichen Qual für mich.

Dazu kamen irgendwann ständige Kopf,- und Gelenkschmerzen, meine Zähne machten Probleme und Übelkeit war an der Tagesordnung. Das ging sogar soweit, dass ich mich übergeben musste. Mein Körper rebellierte und wollte mich wachrütteln.

Mein Impuls war abzuhauen. Raus. Einfach weg.
Nicht für immer. Nicht den Mann und die Kinder verlassen. Nein, nur etwas Luft und Freiraum.

GESPRÄCHE UND LÖSUNGEN SUCHEN

So wie es bisher war, konnte es definitiv nicht weitergehen. Ich musste mir selber eingestehen, dass ich überfordert war. Zunächst fühlte sich das sehr falsch an und ich hatte das Gefühl versagt zu haben.

Also gab es wieder Gespräche mit dem Mann. Ähnlich wie ich es bei der Blogparade von Mamaskind schrieb (Wie werde ich den Kindern gerecht?); Reden hilft. Immer! Auch wenn es schwer fällt. Überfordert zu sein ist keine Schande. Nicht umsonst heißt es „Um ein Kind zu erziehen braucht es ein ganzes Dorf“, das ist ein Satz, den ich sehr ernst nehme und für richtig halte. So ein Dorf haben wir hier aber nicht, deshalb müssen andere Lösungen her. Theoretisch wäre Simon diesen September in den Kindergarten gekommen, durch den Umzug nächstes Jahr, haben wir aber darauf verzichtet (und er hätte den Platz eh nicht bekommen).

Mein Mann würde die Kinder am liebsten den ganzen Tag um sich haben. Schon immer macht er viel mit ihnen und geht mit beiden alleine Ausflüge machen oder dreht eine Runde im Dorf. Er ist ein lebhafter Papa durch und durch und genießt die Zeit in vollen Zügen. Kommt er von der Arbeit, sind die Kinder für ihn Freizeit und Erholung. Nur leider kommt das Essen nicht umsonst auf den Tisch. Ergo muss er arbeiten gehen. Das Gute; Die Zeiten kann er sich fast komplett selber einteilen. Es ist egal ob er um sieben oder elf Uhr anfängt. Manchmal kommt er um drei, manchmal um zwanzig Uhr nach Hause. Das macht uns generell sehr flexibel, aber es gibt auch keine Routine auf die man sich verlassen kann. Spätestens wenn Auslandsreisen anstehen, ist alles wieder durcheinander.

Zunächst verstand Stephan mein Problem nicht. Er beteuerte immer wieder wie pflegeleicht unsere Kinder sind und dass sie irgendwann mal ausziehen werden. Man solle die Zeit genießen.
Mit diesen Worten, wollte er mir NICHT suggerieren, ich solle mich nicht so anstellen und dass ja alles super einfach sei. Ich weiß dass er meinen Alltag mit den Kindern sehr zu schätzen weiß. Er sagt mir fast täglich was für eine tolle Mutter ich bin und dass er für unsere Kinder und meine Arbeit mit ihnen dankbar ist. Dennoch kann er nicht verstehen, wie kräftezehrend der Alltag sein kann.
Woher auch?

Seine Aussagen sind für mich in der Theorie auch alle richtig. Denn genau das spiegelt wieder, was ich seit Jahren sage „Irgendwann sind sie groß und nicht mehr täglich hier.“ Irgendwann (!) sind die Kinder groß, doch das half mir in der akuten Situation nicht. Dass die Kinder in zwanzig Jahren (eventuell) ausgezogen sind, hilft mir nicht im JETZT. Das musste ich in erster Linie mir selber klar machen.

Dann versuchte ich dem Mann begreiflich zu machen, was mit mir los ist und mir fiel folgendes Szenario ein (auf das ich sehr stolz bin *lach*)

„Stell dir vor, du schwimmst in einer Unterwasserlandschaft. Alles ist traumhaft schön. Du genießt das Privileg, das erleben zu dürfen. Doch zwischendurch musst du nach oben an die Wasseroberfläche um nach Luft zu schnappen. Allerdings wirst du immer wieder nach unten gezogen. Du bekommst keine Luft mehr.“

AN KLEINEN SCHRAUBEN DREHEN, UM GROßES ZU ERREICHEN

Wir können die Situation nicht ändern. Stephan muss arbeiten. Die Verwandten wohnen weit weg. Aber wir können den Alltag etwas einfacher gestalten. Wie mein Mann so schön sagte; „Lass uns an kleinen Schrauben drehen und sehen ob es etwas ändert und dich entlastet.“ Wir einigten uns auf viele Kleinigkeiten die wir sofort in die Tat umsetzten.

– Stephan geht ab sofort alleine mit den Kindern den Wocheneinkauf machen. Ich habe derweil Zeit für mich.

– Der Samstag (oder Sonntag) dient dazu das Essen für die Woche vorzubereiten. Es wird viel gekocht, eingefroren und eben einfach vorbereitet. So muss ich unter der Woche nur aufwärmen. Das ist eine erhebliche Zeit und Stressersparnis.

– Außerdem essen wir Abends wieder gemeinsam warm. Mit Alwins Beikoststart, habe ich angefangen Mittags warm zu kochen. Jetzt gibt es wieder schnelle Obstteller oder Snacks als Mittagessen.

– Mindestens einen Nachmittag in der Woche habe ich frei. Um in die Stadt zu gehen, mit dem Rad zu fahren, zu schwimmen, ins Café zu gehen. Um zu schreiben, um zu lesen. Eben Dinge für mich.

– Ich nehme mich in den Aktivitäten mit den Kindern etwas zurück. Es muss nicht sein, dass ich sie den halben Tag bespaße. Ich darf auch mal ein paar Minuten auf dem Sofa sitzen und die Kinder alleine machen lassen.

– Sobald ich kinderfrei habe, gehe ich raus! Mein bisheriges Problem: Sobald der Mann mit den Kindern verschwunden ist (was schon seit jeder macht und nicht erst seit dem Gespräch), habe ich den Haushalt gemacht. Jetzt ziehe ich eine klare Linie und gehe vor die Tür. Getreu dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – Sehe ich den Haushalt nicht, mache ich ihn auch nicht.

Das sind kleine Schrauben. Schrauben die bisher vielleicht übersehen worden sind und wieder (oder überhaupt) angezogen werden müssen. Schrauben, die das Konstrukt „Familie“ zusammenhalten und in letzter Zeit locker geworden sind.

Ob das alles etwas bringt, kann ich noch nicht im Detail sagen, denn dafür machen wir das noch nicht lange genug. Hier und da muss sicher noch optimiert werden. Schauen, was man noch verbessern kann. Es ist allerdings ein Anfang. Ein Anfang, der mir alleine durch das Gespräch und die Lösungsansätze schon sehr stark geholfen hat. Ich habe jetzt schon das Gefühl eine große Last losgeworden zu sein.

Die Sache mit dem Kochen ist schon mal eine tolle Idee. Ich kann endlich wieder in Ruhe meiner Leidenschaft nach gehen und unter der Woche habe ich keinen Stress. Ich merke, dass ich jetzt wieder viel geduldiger bin und morgens besser gelaunt aus dem Bett komme. Meine körperlichen Schmerzen sind fast alle verschwunden und die allgemeine Freude steigt mehr und mehr.

Nun bleibt zu hoffen, dass es so bleibt beziehungsweise aufs alte Niveau ansteigt oder sogar noch besser wird!

Was habt ihr für Tipps im Alltag, dass euch das Leben einfacher macht? Ich würde mich über einen Austausch sehr freuen!

Sonnige Grüße.

13 Gedanken zu „Wenn Mama nicht mehr kann – Im Alltag überfordert

  1. Ich wünschte mein Mann wäre auch so verständnisvoll
    Ich habe leider keine Tipps, wünsche dir aber, dass du wieder zu dir selbst findest und Kraft für dich und deine Familie schöpfen kannst.

    • Ich denke wir sind auf einem guten Weg. Jetzt haben wir erst mal alle gemeinsam Urlaub gemacht und wuppen jetzt hoffentlich besser den Alltag. 🙂

  2. Ohja, kenne ich auch zu gut. ich entspannt auch, mich mit einer Freundin & KinderN zu treffen, dann spielen die und wir chillen irgendwo. Klappt meistens 🙂 außer auf Spielplätzen. Oder schlafen, sobald es geht. Eine ausgeschlafene Mama überlebt alles besser 🙂

    Alles Gute für euch! & Liebe Grüße, Frida

  3. Toll, dass du so ehrlich bist und dies mit uns teilst. Wünsche dir weiterhin viel Erfolg auf Eurem Weg, es klingt nach guten Lösungsansätzen für Dich und Euch. Bis auf das Kochen, das wär für mich die Hölle! 😉

    • Danke dir!

      Ich denke mir, wenn man nicht kochen mag, dann ist das tatsächlich blöd. Für mich ist das allerdings Entspannung. 🙂

  4. Ich finde es bemerkenswert, dass Du so offen und ehrlich über Deine Überforderung der letzen Zeit schreibst! Ebenso ziehe ich den Hut vor Deinem Mann, der Dich voll und ganz unterstützt, damit Du auch mal Auszeiten OHNE die Kids hast.
    Die Devise „Aus den Augen- aus dem Sinn“ ist eine sehr sinnvolle, denn auch mir geht es so, dass ich in kinderfreien Zeiten als erstes an den Haushalt denke und mich kaum mal abkapsle.
    Und dennoch muss das sein, denn eine zufriedene, ausgeglichene Mama kann ihren Kindern viel mehr geben!
    Viele liebe Grüße! Claudia

    • Exakt so war das bei mir auch. Immer wenn mein Mann mit den Kindern unterwegs gewesen ist, habe ich den Haushalt gemacht. Ich war dann höchstens mal ein paar Minuten alleine in der Wanne.
      Jetzt schließe ich die Tür hinter mir und mache etwas, worauf ich Lust habe. Es geht mir schon viel besser!

  5. Ein sehr ehrlicher Artikel, der mich an mich und meine Situation der letzten Monate erinnnert…habe als Lehrerin mehr gearbeitet als geplant, Sohn war in der Vorschule, mein Mann hat viel Zeit und Energie in die Betreuung seiner Mutter gesteckt…dazu habe ich mich von meiner Mutter und meinem Bruder „getrennt“ und endlich gemerkt, was da falsch lief über Jahre.
    Keine einfache Zeit. Mein Körper hat deutliche Signale gesendet, aber richtig flach gelegt hat es mich (leider!?) nie.
    Meine Therapeutin hat mit mir vor ein paar Wochen eine Liste erstellt, in der es um mich und meine Bedürfnisse bzw. Schritte zu meiner Entlastung geht. Putzfrau konnten wir endlich eine finden, Sohnemann wurde in der Ferienbetreuung angemeldet, in der Schule habe ich das NEIN-Sagen geübt…das wichtigste dabei war allerdings, das schlechte Gewissen abzustellen und endlich zu kapieren, dass nur ich alleine weiß, was und wer mir gut tut!

    Jetzt kommt Sohnemann in die Schule, ist dort 2 Mittage betreut, ich arbeite weniger und habe damit einen Vormittag und einen Nachmittag für Büro – und für mich. So ganz ist das schlechte Gewissen noch nicht weg, aber es wird.

    Das mit dem Vorkochen ist eine tolle Idee, das kommt auf meine Liste 🙂

    Ich wünsche allen, denen es ähnlich geht, viel Kraft – und vielleicht ergibt sich hier ein Austausch unter Gleichgesinnten!?

    • Danke für deine offenen Worte. Es mag sich doof anhören, aber es tut gut zu lesen, dass es auch anderen Eltern so geht. Nur so kann man, in meinen Augen, Lösungsansätze finden und sich austauschen.

      „Nein“ zu sagen, ist übrigens etwas, was ich auch erst lernen musste. An den Punkt zu kommen „Ich stehe jetzt mal an erster Stelle!“, war gar nicht so einfach, aber dennoch sehr wichtig. Wie sonst soll man für seine Familie da sein, wenn man sich selber hinten anstellt?

      Eine Bekannte wird ebenfalls bald Stunden reduzieren, um wieder entspannter durch den Alltag zu kommen. Gut, wenn man solche Möglichkeiten hat. Traurig, dass es erst soweit kommen muss.

      Ich wünsche dir für deinen Weg nur das Beste und hoffe, dass viele kleine Dinge etwas großes bewegen.

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