Geschwister: Das Eis ist gebrochen

Alwin ist nun bald acht Monate bei uns und seit etwa sechs Wochen läuft es zwischen den Brüdern richtig rund. Ich bin sehr froh, nun für die Geduld entlohnt zu werden.

Das Eis zwischen den Brüdern ist gebrochen.
Endlich!


EIN SCHWERES HALBES JAHR

Dass es für den Großen nicht einfach wird, wenn sein Bruder in unser Leben tritt, hatte ich schon geahnt. Dass er allerdings eine so hohe Abneigung gegen Alwin entwickelt, konnte niemand vorher wissen.

Ich schrieb oft darüber wie traurig mich die Situationen machen und dass ich am Rande des Wahnsinns stehe, weil es mir so oft nicht möglich war den Jungs gerecht zu werden. Ich zerriss mich zwischen den beiden und jede kleine Annäherung war für mich ein Strohhalm, an den ich mich klammerte. Doch meist waren die Zuneigungen nur von kurzer Dauer.

Simon distanzierte sich von Anfang an. Wenn ich seinen Bruder auf den Arm hatte, kam er nicht zum Kuscheln, nicht zum Trösten und nicht zum Buch schauen. Er hielt sich die Ohren zu, sobald Alwin weinte. Anfangs weinte er noch mit. Später schrie er ihn an. Immer wenn ich ihn bat zu mir zu kommen, sagte Simon „Mama kein Platz“, und das tat so unfassbar weh!

Die meiste Zeit hatte ich Verständnis für sein Verhalten. Konnte verstehen dass es ihm nach zwei Jahren schwer fiel, plötzlich die Mama teilen zu müssen. Doch leider muss ich auch zugeben, dass es mich manchmal unglaublich nervte. Wenn ich gesehen habe wie fröhlich und freundlich andere Kinder mit ihren Babygeschwistern umgegangen sind, wünschte ich mir das auch für uns.

Ständige Sprüche gegenüber Simon, wie zum Beispiel „Du warst auch mal ein Baby und hast geweint!“, „Du bist jetzt der große Bruder!“ (in Bezug auf, du musst das jetzt einfach akzeptieren, weil du älter bist), oder „Die Mama muss sich jetzt halt um zwei kümmern“, haben weder ihm noch mir geholfen. Im Gegenteil, dadurch hat er sich nur noch mehr von Alwin distanziert.

Man kann Liebe nun mal nicht erzwingen und so versuchte ich es mit Ruhe, Geduld und Verständnis.

EIN LANGER WEG

Ja es dauerte lange und immer wieder gab es Fortschritte. Doch meistens wurde aus einem Schritt nach vorne, zwei wieder zurück.

Ich habe ihn niemals gedrängt dass er seinen Bruder anfassen muss, denn das war ihm von Anfang an zuwider. Er wollte es einfach nicht. Er half mir zwar beim Windeln wechseln, in dem er mir Windeln gab oder einen frischen Body, aber nie hätte er ihn sauber gemacht. Das war ok für mich.

Immer wenn Alwin schrie und sich nicht beruhigen ließ, hielt sich Simon die Ohren zu oder schrie mit. Ich habe ihn gelassen. Ich habe ihm nicht gesagt, er sei zu laut oder doch kein Baby mehr. Nein, er durfte seiner Wut freien Lauf lassen. Meistens war es danach auch wieder gut.

Er konnte immer zu mir kommen. Theoretisch. Denn wenn ich Alwin auf den Arm hatte oder stillte, kam er ja nicht. Das tat weh. Sehr weh. Doch niemals habe ich ihn gedrängelt, niemals habe ich ihm gesagt er solle sich nicht so anstellen. „Die Mama hat immer Platz für dich“, sagte ich ihm und irgendwann konnte er dann immerhin neben mir sitzen. Ein riesen Erfolg!

EXKLUSIVE ZEIT FÜR BEIDE

Als der Mann wieder arbeiten war, musste ich mir eingestehen dass ich zeitweise sehr überfordert mit beiden war. Simon geht in keine Einrichtung und Verwandte haben wir hier keine. Jeden den wir kennen, hat selber mindestens zwei Kinder. Ich bin also den ganzen Tag mit den beiden alleine.

Zu allem Übel musste der Mann sehr lange arbeiten und sah zunächst meine Überforderung nicht. Doch ich merkte selber wie ich Tag für Tag beide Kinder wegen belanglosen Dingen anschnauzte und manchmal sogar grob wurde (in dem ich Simon anschrie, er soll sitzen bleiben zum Schuhe anziehen und ihn festhielt. Oder manchmal grob am Arm fasste, wenn er nicht mitgehen wollte)

Ich musste die Reißleine ziehen und nur der Mann konnte mir helfen. Also gab es lange Gespräche und Möglichkeiten die wir überlegten. Mittlerweile arbeitet der Mann weniger im Büro und ist mehr Zuhause. Zwar braucht er auch hier seine Ruhe, aber einfach zu wissen, dass er als Backup ein Zimmer weiter sitzt, tut gut.
Er ist grundsätzlich morgens bei uns. Er macht mindestens ein Kind in der Früh fertig und sorgt für das Frühstück. Er liegt (meistens) Abends bei uns mit im Bett und begleitet mit mir zusammen die Kinder in den Schlaf.

Ich wollte für beide Kinder exklusive Zeit. Die habe ich Donnerstags mit Alwin, wenn wir in die Krabbelgruppe gehen. Simon bleibt solange mit dem Papa daheim und die beiden können ihre Zeit zusammen genießen.

Mittlerweile hat sich der Schlafrhythmus von Alwin eingependelt, dann kann ich voll und ganz für den Großen da sein. Wir spielen Ball, schauen (endlich!) wieder Bücher gemeinsam oder kochen zusammen. Nur er und ich. So hat er seine Mama für einige Stunde am Tag ganz alleine, wie früher. Ich schätze, dass das auch zur neu gewonnen Geschwisterliebe beigetragen hat.

VON ANDEREN GELERNT?

Ich bin davon überzeugt dass Kinder viel von anderen lernen. Nicht nur von Erwachsenen, sondern eben gerade auch von anderen Kindern.

Meine Freundin hat einen Jungen im Alter von dreieinhalb und eine Tochter, die einen Monat jünger ist als Alwin. Simon und ihr Junge spielen gern zusammen, auch wenn er ein Jahr älter ist als Simon. Im Gegensatz zu meinem Großen, war der andere Junge gleich Feuer und Flamme für seine Schwester und auch für Alwin.

Als ich sie besuchen war, spielte der Junge mit Alwin. Er nahm seine Hände, klatschte, kuschelte mit ihm, drückte ihm sanft auf die Nase. Simon hat das alles gesehen und sich gefreut. Er stand etwas abseits und grinste sich eins.

Kaum waren wieder Zuhause war das Eis offenbar gebrochen. Seit diesem Moment, der knapp einen Monat her ist, ist nicht ein Tag vergangen, an dem Simon nicht voller Freude mit Alwin spielt. Er kuschelt mit ihm. Er bringt ihm Spielzeug. Er füttert ihn. Er macht ihn mit einem Tuch sauber. Er wartet sehnsüchtig am Bett, dass sein Bruder wach wird, dann springt er auf ihn drauf und beide lachen sich kaputt. Sie herzen sich. Der Große nimmt das Baby in den Arm. Er gibt ihm Küsschen. Er streichelt seinen Kopf, wenn Alwin knatschig wird.

Und während ich das alles aufzähle, laufen mir die Tränen über das Gesicht, weil so unfassbar viel Last von mir abfällt. Weil es Simon endlich möglich ist, Alwin zu herzen und ihn als Familienmitglied zu akzeptieren. Es ist soooo schön die beiden zusammen zu sehen.
Es ist für mich einfach unbeschreiblich!

Und es zeigt mir einmal mehr, dass man bei Kindern sehr viel erreichen kann, wenn man Verständnis zeigt. Wenn man sie ernst nimmt und gemeinsam Lösungen für Probleme sucht.

Wie haben eure Kinder auf Nachwuchs reagiert? Glaubt ihr, dass das Alter eine Rolle spielt?

Sonnige Grüße.

4 Gedanken zu „Geschwister: Das Eis ist gebrochen

  1. Das liest sich im Ergebnis wunderschön!

    Ich kann es mir ja nur vorstellen, aber die Zeit davor klingt wirklich hart und zehrend. Toll, wie du das gemeistert hast.

    Meinst du, Simon hat ein gutes Beispiel für den Umgang mit dem Baby gefehlt? Und er hat es sich dann von dem anderen Bub abgeschaut? Oder war einfach die Zeit reif? Wahrscheinlich beides…

    Ich freu mich jedenfalls für euch!

    • Simon kannte halt absolut keine Babys. Er war immer und überall der Jüngste. Ich denke, dieses grobmotorische Etwas, hat ihn aus der Bahn geworfen. Und, allen voran, die Tatsache dass er eben nicht mehr alleine mit der Mama ist.

      Ich bin überzeugt dass der andere Junge viel dazu beigetragen hat. Einfach auch weil ich gesehen habe, dass Simon ihn oft genau beobachtet.

      Alles in allem bin ich froh, dass sie sich nun so lieb haben!

  2. Oh wie wunderbar. Auch ich sitze hier, habe Gänsehaut und Tränen in den Augen. Du hast das alles so einfühlig gemacht. Hut ab! Wirklich!!! Du bist auf deinen großen Sohn eingegangen, hast seine Gefühle respektiert und ihr alle könnt schlussendlich die Früchte deiner Geduld und Wärme ernten.
    Ich habe eine 3 jährige Tochter und einen 8 monatigen Sohn. Bisher war bei uns alles Eitel Wonne. Die große war liebevoll und hat ihren Bruder betüttelt und geherzt. Derzeit macht sie wohl einen Schub/eine Phase durch. Oder liegt es daran, dass der kleine mobil ist, jedenfalls fängt sie an den kleinen zu sekkieren um meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Sie ist nach wie vor begeistert von ihm, hin und wieder wird aber getestet wie stark man ihn anstubsen muss, bis er zu weinen beginnt usw. Das tut mir so weh, wenn ich es sehe. Wir besprechen es immer und es ist ganz klar, dass es nicht darum geht ihm weh zu tun. Aber dass ihr weg an mich über ihren Bruder geht, finde ich furchtbar.
    Vielleicht ist exklusive Zeit auch für uns eine gute Lösung.

    Danke für deinen ehrlichen Bericht, ich lese immer gerne von dir.

    Liebe Grüße aus dem österreichischen Burgenland,
    Angelika

    • Eine Bekannte macht das ebenfalls gerade durch. Sie hat einen Sohn der nun vier Jahre alt ist und eine Tochter von sieben Monaten. EIGENTLICH sind die beiden auch ein Herz und eine Seele, doch manchmal scheint ihr Großer auch zu testen.

      Ich denke es ist einfach schwierig für Kinder (egal welchen Alters) bestimmte Dinge zu begreifen. Da muss einfach mal rumprobiert werden und das ist auch vollkommen ok, solange niemand zu schaden kommt.

      Miteinander sprechen ist SO viel wert und unglaublich wichtig. Ja, es mag manchmal müßig sein und ich hatte auch schon oft das Gefühl „Das bringt doch alles nichts“, aber dann… Plötzlich passt es! Und man erntet die Früchte, wie du so schön geschrieben hast.

      Danke übrigens für deine Mail. Ich hoffe ich habe nun alles richtig gemacht und deinen Kommentar so bearbeitet, wie du es gewollt hast. 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.